Geldlos in Varsana


Und da saßen wir nun. Hinter uns lag die alte Welt und irgendwie auch Indien. Wo wir nun angekommen waren gab es nur Liebe zu Gott und sonst nichts (oder zumindest nicht viel). Vor mich her dösend ging ich im Geist die letzten Tage durch, die verzweifelten Preisverhandlungen mit Rikshafahrern, die Busfahrt auf der zersetztesten Straße meines bisherigen Lebens und unser Geldproblem. Einen Großteil der letzen Tage waren wir damit beschäftigt gewesen unsere geplanten Einkäufe durchzukalkulieren. Die verbleibenden Tage in Indien mussten bezahlt werden, daneben waren noch die geforderten Mitbringsel zu kaufen.
Der Versuch mit meiner Bankkarte an frisches Geld zu kommen scheiterte mehrere Male. So verzweifelte jeder für sich selbst und sah den vollständigen Kauf der Geschenke sowie die Befriedigung der eigenen Wünsche gefährdet. Diese Gedanken stiegen nach oben und blockierte einfach alles. Wir hatten jedoch noch ein paar letzte Reiseschecks, die wir, getrieben von unserer augenscheinlichen Not, in Jaipur umtauschten. Die Wogen schienen sich nun zu glätten. Wieder „flüssig“ konnten wir den nächsten Tagen ruhiger entgegenblicken. Nach den ersten Tagen in Vrindavan ergab sich dann die Möglichkeit das Wochenende in Varsana zu verbringen, dem Wohnort der weiblichen Energie Gottes, Radharani. Wir packten einige Dinge (ein wenig Kleidung, Waschzeug und Moskitonetz) zusammen, ließen das übrige Gepäck in unserem Guesthouse zurück und traten den Weg an. Nach dieser schnellen Fahrt auf der löchrigen Straße, auf welcher sich der Bus wie ein Boot ständig auf und nieder bewegte und einer Fahrt in einem Local Taxi (über 10 Leute teilen sich eine Autoriksha) kamen wir wohlbehalten in Basana an.
Um einen Überblick unserer aktuellen finanziellen Lage zu erhalten, wollte Anne das verbliebene Geld nachzählen. Ich drehte mich auf die Seite um endlich zu schlafen, da schrie sie auf: „Wo ist das Geld?“. „Es muss in der Tasche sein“, versuchte ich sie zu beruhigen. Aber auch nach langen Suchen fanden wir das verbliebene Geld nicht. Was uns nun blieb war gerade genug für die Rückfahrt nach Vrindavan und einige Flaschen Wasser. Hatten wir uns in Jaipur noch über die geringe Geldmenge gesorgt, so wurde dies nun dadurch übertroffen, dass wir überhaupt keine weiteren Geldmittel zur Verfügung hatten und nicht wussten, wie wir welche in kurzer Zeit auftreiben könnten. Fassungslosigkeit breitete sich im Raum aus und erneut verzweifelte jeder für sich selbst.
Erst langsam begriffen wir den Segen dieser Misere. Der Vortrag von Ramesh Baba dem wir am Abend beiwohnten, behandelte die Unvereinbarkeit von reiner Hingabe zu Gott und der Bezahlung der Verehrung Gottes im Tempel. Er sagte: „Wenn im Herzen eines Meschen das Geld einen so wichtigen Platz einnimmt, wie kann dann noch Platz für Gott darin sein? Reine Hingabe gibt alles und fordert nichts. Alles was wir brauchen gibt uns Gott. „Ramesh Baba wusste das aus eigener Erfahrung. Kein Pilgerer der zu seinem Tempel kommt wird um eine Spende gebeten, weder für einen Schlafplatz noch für Essen. Jedoch wachsen seine Projekte stetig. Wie die größte Goshala (Kuhschutzstätte) der Welt in der über 16.000 Kühe friedlich leben und sterben können.
Und wir? Unsere Gedanken waren in den vergangenen Tagen meist beim Geld statt, wie auf einer Pilgerreise üblich, bei Gott. Nun war es uns genommen wurden. Doch genau in dieser Situation wurde es völlig bedeutungslos, da wir es nicht für die Bezahlung der Unterkunft oder Verpflegung benötigten. Was wir nun bemerkten war, dass wir immer beschützt sind. Gott schickt uns nur die Situationen, die wir bewältigen können. Und wenn uns irgendetwas davon abhält mit unseren Gedanken bei ihm zu sein, sollten wir es selbst aus der Welt schaffen, oder besser dafür beten dass es geht, denn die wirklichen Probleme können wir nicht auf eigene Faust lösen. Wir benötigen die Hilfe von Krishna und seinen Devotees. Dank ihm wich diese große Last von unseren Schultern und wir begriffen was zu dieser Zeit und an diesem Ort wirklich von Bedeutung war: Gott. Der wirkliche Ruheort unserer Seele liegt nur bei Ihm. Wir packten den leeren Geldbeutel weg, schlossen den Raum hinter uns und setzten uns mit Sadhus nieder, um ein Spiel Krishnas, das von Jungen vorgeführt wurde, anzuschauen.


Am Ende lieh uns ein Devotee dann das nötige Geld und wir verbrachten die schönste Zeit der ganzen Reise in Basana.



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